Es gibt ja genug Gründe, uns Juden nicht zu mögen

Die Frage, woran man einen Antisemiten erkennt, ist keine akademische, man kann sie sehr einfach beantworten, ohne bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen Antrag auf Projektförderung zu stellen: Wer Juden etwas übel nimmt, das er Nichtjuden nicht übelnimmt, ist ein Antisemit.

Das antisemitische Kollektiv

Wer sich also über “jüdische Spekulanten” aufregt, am Treiben nicht jüdischer Spekulanten aber keinen Anstoß nimmt, ist einer. Ebenso jemand, der dem Blutvergießen in Syrien emotional unbeteiligt zuschaut und aus seiner Lethargie erst dann erwacht, wenn er in der “Tagesschau” den Satz hört: “Israel greift Ziele im Gazastreifen an.”

Und wer, ohne über sich selbst zu erschrecken, fordert, es müsse “in einem freien Land möglich sein, straflos das Existenzrecht Israels infrage zu stellen”, wie neulich in der “taz” zu lesen war, der ist kein harmloser Retro-Antisemit mehr; er bereitet verbal die nächste Endlösung der Judenfrage vor, diesmal im Nahen Osten. Auch der Antisemit braucht eine Perspektive.

„Es konnte kein Konsens erreicht werden“. « AA:B – association antiallemande berlin

Nr. 1 Fan

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(Quelle: facebook.com)

Friedensaktivist Stefan Hartung aus dem Erzgebirge mit Transparent auf der Montagsdemo in Leipzig

Friedensaktivist Stefan Hartung aus dem Erzgebirge mit Transparent auf der Montagsdemo in Leipzig

Der deutsche Bürger, der eben noch Teil der Volksgemeinschaft gewesen war, versuchte nach der „Stunde Null“ unter Aufbietung beträchtlicher argumentativer Strategien den Eindruck zu vermeiden, ihn verbinde auch nur irgendetwas mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Für wie glaubwürdig auch immer man diese Transformation halten mag, fest steht, dass der Vorwurf, Antisemit zu sein, jahrzehntelang als höchst verwerflich galt.5

Dies scheint sich nun, in der dritten Generation nach der bedingungslosen Kapitulation, langsam zu ändern. Das Bekenntnis des Tagesspiegel-Kolumnisten Harald Martenstein in der Augstein-Affäre, er wolle Antisemit genannt werden, wenn das, was Augstein von sich gegeben habe, antisemitisch sei, ist dafür der sinnfälligste Ausdruck.6 Martensteins Äußerung zeigt an, dass der Antisemitismus als Ticket eines Tages tatsächlich wieder salonfähig werden könnte. Immer mehr nämlich setzt sich die Meinung durch, nicht der Antisemitismus, sondern der Antisemitismusvorwurf sei das eigentliche Problem. Wer andere der Judenfeindschaft zeihe, wolle diese herabsetzen und diskriminieren, was gegen die Regeln des gepflegten demokratischen Diskurses verstoße.7 Je mehr sich die Intellektuellen von tatsächlichen oder nur halluzinierten Antisemitismusvorwürfen bedroht fühlen, desto mehr entwickeln sie auch das Bedürfnis, der Gefahr dadurch auszuweichen, dass der Antisemitismus selbst wieder respektabel gemacht wird. Die scheinbar ganz objektive, wieder einmal medizinisch-wissenschaftlich daherkommende Kritik jüdischer Rituale, die in der Beschneidungsdebatte schon mal ausgetestet wurde, könnte ein erster Schritt dahin sein, antijüdische Ressentiments wieder formulierbar zu machen, ohne unbedingt den antizionistischen Umweg gehen zu müssen.

Jan Huiskens: Stachel im Fleische. Die Dialektik der Aufklärung und der zionistische Imperativ.

Prioritäten setzen!
sagt die Anmelderin der Leipziger Montagsdemonstrationen.

Prioritäten setzen!

sagt die Anmelderin der Leipziger Montagsdemonstrationen.

Wenn dann mein Großvater aus irgendeinem Grunde die Aufmerksamkeit der beiden Schwestern auf sich lenken wollte, so mußte er zu jener Art von mechanischen Alarmsignalen seine Zuflucht nehmen, wie Irrenärzte sie bei  gewissen Fällen krankhafter Geistesabwesenheit anwenden: mehrmaliges Anschlagen eines Glases mit einer Messerklinge unter gleichzeitigem energischem Anruf durch Stimme und Blick, Gewaltmittel, die diese Psychiater auch oft in ihren Verkehr mit gesunden Menschen übernehmen, entweder aus professioneller Gewohnheit oder weil sie alle Leute für mehr oder weniger unzurechnungsfähig halten.

Marcel Proust: In Swanns Welt.

Antanas Sutkus - Blind Pioneer

Antanas Sutkus - Blind Pioneer

Die Deutschen waren auch mal Flüchtlinge. Und danke, dass Ihr alle umsonst arbeitet.

Weil die Menschen in der Welt, in der wir leben, schon gar nichts anderes mehr sein können als das, was sie sind, nämlich wozu sie von der Einrichtung dieses Lebens verurteilt sind, deshalb werden sie mit ungeheurem Brimborium und einer wahrhaft priesterlichen Gebärde dazu ermutigt, dieses ihnen nun einmal Auferlegte und Unumgängliche - nämlich daß sie nun einmal sie selbst sein können als das, wozu wir verurteilt sind - nun auch noch auf sich zu nehmen und es freiwillig zu sein; eine These, wie sie ja dann in gewissen Lehren von Jean-Paul Sartre in geradezu parodistischer Weise wider Willen zum Absurdum geführt worden ist.

Theodor W. Adorno: Ontologie und Dialektik. S. 135.

Eine Erinnerung an die Zukunft

likeafieldmouse:

Robert Rauschenberg - Untitled (Glossy Black Painting Before Second Coat of Black Paint) (ca. 1951)

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Robert Rauschenberg - Untitled (Glossy Black Painting Before Second Coat of Black Paint) (ca. 1951)